Willi Kunz
Hans Rudolf Bosshard zum 80. Geburtstag

Unbeirrt durch die Irrläufe der Zeit

Die «Würdigung» oder Apologie ist bestrebt, die revolutionären Momente des Geschichtsverlaufs zu überdecken. Ihr liegt die Herstellung einer Kontinuität am Herzen. Sie legt nur auf diejenigen Elemente des Werks Gewicht, die schon in seine Nachwirkung eingegangen sind. Es entgehen ihr die Schroffen und Zacken, die demjenigen einen Halt bieten, der über dieses hinausgelangen will.
– Walter Benjamin, «Zentralpark»

Man kann wohl annehmen, dass Hans Rudolf Bosshard, der mir als Setzerlehrling vor fünfzig Jahren die Grundlagen der Typografie beigebracht hat, für mich eine ferne Erinnerung ist. Dies umso mehr, als wir uns seit vierzig Jahren, durch geografische Distanz bedingt, nur sporadisch treffen und in ideologisch gegensätzlichen Welten wie der Schweiz und den USA leben.

Heute verkörpert Bosshard einen Teil meiner beruflichen Weiterbildung und Tätigkeit in den 60er Jahren in Zürich, eine damals heile Welt, die in romantischer Vorstellung in mir weiterlebt. In der Zwischenzeit hat sich Bosshard stark entwickelt, aber nicht verändert. Seine Stärke als Lehrer ist nachhaltig. Für mich bleibt er ein Triangulationspunkt, an dem ich mich über Typografie, Kunst und Fachliteratur in Zürich orientiere.

Als einer seiner ersten Schüler lernte ich Bosshard Ende der 50er Jahre in der typografischen Fachklasse an der Gewerbeschule Weinfelden kennen. Neu und als Lehrer unerfahren, schien sein Unterricht oft improvisiert; als Schüler hatten wir den Eindruck, dass er mit uns lernte und gleichzeitig seinen eigenen didaktischen Weg zu finden suchte.

Bosshards Unterricht bestand oft aus Diskussionen über moderne Architektur und Malerei sowie Vorlesungen aus Büchern wie Hans Arps Unsern täglichen Traum…, was mich faszinierte, aber die Frage aufwarf, was das mit typografischer Gestaltung zu tun habe. Sehr bald erkannte ich, dass das Aufwerfen von Fragen und das Hinterfragen von Grundsätzen seine Methode war, neue gestalterische Impulse zu wecken. Zurückblickend sind es vor allem diese didaktischen «Umwege», die meinen kulturellen Horizont öffneten und mir die gestalterisch-formale Beziehung zwischen Typografie, Architektur, Malerei, Plastik und Film bewusstmachten.

Anhand kleiner, im Bleisatz ausgeführter Aufgaben wie des Gestaltens einer Geschäftskarte machte uns Bosshard klar, dass jede noch so bescheidene Arbeit höchste Sorgfalt erfordert und dass der Gestalter auf keinen Fall unter seinem Niveau arbeiten darf. Letzteres ein Diktum, das in der Praxis oft Mühe bereitet.

Trotz grosser gestalterischer Offenheit war Bosshard ein scharfer Kritiker. Die damals in den Setzereien frisch eingeführte Helvetica tat er als «steife Sauschrift» ab, und die von Müller-Brockmann geschaffenen Konzertplakate bezeichnete er als «stur». Dauernd forderte er uns Schüler auf, umzudenken, Trends zu ignorieren und alles anders zu machen als das bisher Allgemeingültige. Forderungen, die ich immer noch befolge.

Den damals in Zürich und Basel populären Ideologien, welche die Verwendung der Grotesk als einzig zeitgemässer Schrift, die Asymmetrie als einzig akzeptable Darstellung und den Raster als bevorzugtes Organisationsprinzip propagierten, stand Bosshard kritisch gegenüber. Dogmatik war nicht sein Fach. Für ihn war Typografie zu verzweigt und zu vielschichtig, um ihre Probleme mit Lehrsätzen zu lösen.

Heute, wo jeder stilistische Auswuchs unkritisch akzeptiert und im Nu ausgeführt wird, wirken die Ideologien jener Zeit archaisch. Auch ist unser damaliger Drang, als Schüler die Welt durch Gestaltung zu verbessern, eine Utopie geblieben: Trotz aller Freiheit und unbegrenzten gestalterischen Möglichkeiten ist das Ziel einer besseren Welt immer noch nicht erreicht.

Was mich an Bosshards Unterricht nachhaltig beeindruckte, war sein Bestreben, rationales, ojektives Wissen und nicht nebulöse künstlerische Ideen zu vermitteln. Wir lernten, dass eine aus Büchern gewonnene umfassende Allgemeinbildung, ein Interesse an Architektur, Malerei, Plastik, Film und Literatur sowie Weltoffenheit notwendig sind, um gute Gestalter zu werden. Ein grosser Kontrast zu heute, wo die Allgemeinbildung vieler Schüler durch Google, Wikipedia und YouTube geformt wird.

Die Umstellung vom Blei- auf den Fotosatz prägte die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als die für die Typografie wohl folgenschwerste Epoche seit Gutenberg. Laserstrahl und Film ersetzten die herkömmlichen Satzmaterialien Blei, Messing und Holz – die Typografie wurde entmaterialisiert. Der Computer machte es nun möglich, Art, Grösse, Stärke und Lage von Schrift sowie den Abstand zwischen Buchstaben, Wörtern und Zeilen beliebig zu manipulieren und somit die jahrhundertealten Grenzen des Bleisatzes zu sprengen. Gekoppelt mit der Auflösbarkeit des typografischen Masssystems – alle Grössen und Abstände sind nun stufenlos möglich –, führte diese Freiheit zu Resultaten, die, verglichen mit dem herkömmlichen Bleisatz, meistens erbärmlich abschnitten.

Der Computersatz verlangte Investitionen, welche für die meisten Druckereien unerschwinglich oder unrealistisch hoch waren. Abgekoppelt von den Druckereien, wurde die Typografie zunehmend von Satzfabriken ohne das nötige Qualitätsbewusstsein und ohne ästhetisches Gefühl ausgeführt. Aus dieser Spezialisierung auf die Satzherstellung entwickelte sich der Beruf des Typografikers mit der Aufgabe, in grafischen Ateliers, Werbeagenturen und der Industrie die Typografie in akzeptablen Bahnen zu halten. Für den typografischen Gestalter mit solider Ausbildung und Fachkenntnissen, wie sie Bosshard vermittelte, waren dies goldene Zeiten.

Die heutige Technik hat die meisten Verbindungen zur Vergangenheit abgeschnitten. Wir befinden uns in einer unsteten, zwiespältigen Zeit, in der das Morgige immer schneller zum Gestrigen wird und sich dauernd verändernde Wertvorstellungen das traditionell bewährte Wissen verdrängen. Die digitalen Medien haben die technischen und gestalterischen Grenzen der Typografie aufgelöst und die Art, wie sie gelernt und angewandt wird, radikal verändert. Mit den technischen Entwicklungen nimmt das erforderliche Fachwissen exponentiell zu – so stark, dass das Experimentieren mit verschiedenen Softwareprogrammen, mit denen der Gestalter die Rollen des Typografen und Bildbearbeiters übernimmt, zunehmend die Zeit raubt, die für das Lernen der typografischen Grundsätze und das Üben der daraus erworbenen Kenntnisse nötig wäre. Vor diesem nebulösen Hintergrund spielen sich endlose Debatten über Gestaltung und die Ausbildung von Gestaltern ab.

Die typografische Ausbildung wird mehr und mehr zum Experiment, frei von Ideologien und Theorien. «Gute Gestaltung» ist nicht mehr glaubhaft; möglicherweise fiel sie dem Bedürfnis zum Opfer, Grenzen und Normen um jeden Preis zu eliminieren. Heute existieren unzählige Stile nebeneinander, alle bereit zum Kopieren. Verspielte Dekoration ist gleich gesucht wie strenger Modernismus. Diesen verschiedensten Stilen ausgesetzt, verliert der Gestalter seine Orientierung. Das Resultat ist Verwirrung und Chaos. Bosshard, offen für alles Neue, scheint diese Veränderungen zu akzeptieren, ja er schwelgt sogar im heutigen Pluralismus.

Bosshard, der Lehrer, wäre unvollständig ohne Bosshard, den Autor und Gestalter, eine selten überzeugende Kombination von Talenten, da nur wenige Gestalter fähig sind, ihr Wissen klar zu formulieren. Bosshard verfügt über die Begabung, die Gestaltungsfachsprache zu transzendieren und sie, oft sogar witzig, dem Leser geniessbar und verständlich zu machen. Die Gestaltung seiner Bücher entsteht aus dem Inhalt. Keine Spur von vorgeformten, trendigen, effekthascherischen Ideen – und eine wohltuende Abwechslung zu vielen heutigen Publikationen, wo Inhalt und Gestaltung reziproke Werte sind, der dünne literarische Gehalt durch hohen gestalterischen Aufwand überblendet wird.

Seine in den 70er Jahren entstandenen Publikationen «Einführung zur Formenlehre», «Gestaltgesetze», «Proportion», «Kontraste» und «Form und Farbe» dokumentieren seine mit Unterrichtsergebnissen verbundenen Theorien. Heute scheinen sie wie erste Gehversuche für seine späteren Fachbücher «Technische Grundlagen zur Satzherstellung» (1980), «Mathematische Grundlagen zur Satzherstellung» (1985) und «Typografie Schrift Lesbarkeit» (1996). Diese auf seinem profunden Wissen aufgebauten späteren Meisterleistungen hätten durch Übersetzungen in Fremdsprachen eine grössere Verbreitung verdient.

Bosshards Opus Magnum ist «Der typografische Raster» (2000). Beim Studieren dieses Werks wird klar, wie unvollständig und elementar die bisherige Fachliteratur über das Rasterthema war. Bosshard hat dem umstrittenen, totgelaufenen Thema frische Impulse verschafft und den Raster als Gestaltungsmittel mit neuen Ideen belebt. Die deutsch-englische wie auch eine chinesische Ausgabe trugen zum internationalen Erfolg des Buches bei. (In bester Erinnerung bleibt mir ein Buchladen in Schanghai, wo ich mich vor einem Stapel von Exemplaren der chinesischen Ausgabe fragte, wie die chinesischen Gestalter Bosshards Rasterprinzipien wohl interpretieren würden.)

In jeder künstlerischen Laufbahn ist der Erfolg stark davon beinflusst, das eigene Schaffen zu propagieren und das Interesse anderer auf sich zu lenken. Bosshard besitzt diese Begabung nur beschränkt, was vielleicht ein Grund ist, warum sein Ruf als Künstler – trotz bedeutendem Schaffen – eher wenig verbreitet ist.

Kunst muss optisch und intellektuell befriedigen. Bedingungen, die Bosshards Malerei, Grafik, Konzept-Art und Fotografie zweifellos erfüllen. Allerdings sind seine künstlerischen Werke nicht leicht konsumierbar; sie verlangen Konzentration und Vertiefung. Anforderungen, die das heutige Kunstpublikum nur in geringem Mass erfüllt.

Der Gebrauch von elektronischen Medien wie iPhone, MP3 und DVD mit ihrem sich dauernd erneuernden, endlosen Informationsstrom hat die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationskraft des Publikums stark verringert. Alles, was nicht mühelos erfasst werden kann, wird sofort übergangen. Kunst wird nicht mehr meditativ aufgenommen, sondern oberflächlich konsumiert. Die intellektuelle Dimension der Kunst wird von der optischen verdrängt. Wird in Museen und Galerien ein Video mit noch so banalem Inhalt gezeigt, findet man die meisten BesucherInnen vor dem Bildschirm versammelt.

Die über 500-jährige Dominanz von Druck auf Papier ist durch die elektronischen Medien gebrochen. Elektronische Übermittlungs- und Bildschirmtechnologien ersetzen die gedruckten Medien und rücken das Bild – speziell das bewegliche – in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Wir entwickeln uns in eine Gesellschaft, deren Kultur sich zunehmend auf dem Bildschirm abspielt. Die vergänglichen Bilder des Bildschirms lösen den Begriff des klassischen Autors und dessen Autorität auf. Die Vergangenheit wird zum Datenstrom, der vom Betrachter beliebig manipuliert und verschiedenartig zusammengesetzt werden kann; die Gegenwart wird auf dem Bildschirm fabriziert, während man von einer Website zur andern springt.

Wir befinden uns mitten im Umsturz von der typografischen Kommunikation zur Kommunikation mit Bildern und bildhaften Zeichen, was durch die zunehmende Zahl von vorwiegend aus Bildern und kurzen Texten bestehenden Büchern verdeutlicht wird. Die Typografie, wie sie Bosshard während vierzig Jahren mit Enthusiasmus unterrichtet und praktiziert hat, ist stark bedrängt. Mehr Bilder und weniger Text bedeutet jedoch nicht weniger Kommunikation. Solange Buchstaben, Wörter und Sätze zur Informationsübermittlung verwendet werden, sind Bosshards Denkweise und visuelle Prinzipien für die typografische Gestaltung unerlässlich.